Eispiraten Crimmitschau vs. Starbulls Rosenheim 5:4 nV (2:2,2:1,0:1,1:0)

„Unfassbar“ – das war wohl gestern im Crimmitschauer Sahnpark die meistbenutzte Vokabel. Was die Starbulls und die Eispiraten ihren Anhängern in der zweiten PlayDown-Runde der DEL2 an Adrenalinschüben zumuten, grenzt schon fast an Körperverletzung. Und es ist nicht zu erwarten, dass sich daran in den noch kommenden mindestens zwei, wahrscheinlich aber drei Partien der Serie etwas ändern wird.

Die Tradition der frühen Tore setzte sich im ersten Drittel der vierten Begegnung nahtlos fort. Zum erstenmal in der Serie waren es aber die Eispiraten, die das Ausrufezeichen zu setzen verstanden: nachdem die Gäste vom Eröffnungsbully weg wie gehabt die Sturmhauben aufsetzten und Ryan Nie zu frühen Paraden zwangen, landete gleich der erste ernstzunehmende Gegenangriff in den Maschen hinter Lukas Steinhauer, der nach seiner Glanzleistung vom Dienstag Timo Herden aus der Starbulls-Startformation verdrängt hatte. Andre Schietzold tankte sich über rechts bis auf Höhe der Bullypunkte durch, und seine scharfe Hereingabe landete als Abpraller auf Mark Lees Schläger, der sich die Chance nicht entgehen liess. Ein gleich darauf folgendes Powerplay der Hausherren sah zwar ansehnlich aus, brachte aber nicht den gewünschten Erfolg, auch weil Referee Paule in einer unübersichtlichen Situation zu schnell abpfiff, als Steinhauer den Puck unsicher fallen ließ. Somit fand Jason Pinizzottos Treffer leider keine Anerkennung.

Rosenheim ließ in der Folgezeit die Rot-Weissen das Spiel machen und verlegte sich aufs schnelle Kontern, und das ziemlich gefährlich und in Minute 8 auch erfolgreich: die Paradereihe der Oberbayern überlief die nach dem verletzungsbedingten Fehlen Ole Olleffs weiter dezimierte Eispiratenabwehr, Scofield konnte nach klugem Querpass locker zum Ausgleich einschieben. Aber auch auf der Gegenseite wirkte defensiv längst nicht alles sattelfest, ein Spiel der souveränen Abwehrreihen war das sicherlich nicht. Den ersten Aufreger der Partie gab es dann in Minute 10: Maximilian Vollmayer fuhr Bernhard Keil an der Bande ziemlich übel zusammen, der musste gestützt zur Bank gebracht werden, fehlte auch einige Wechsel lang und wirkte über die komplette Spielzeit angeschlagen. Strafe: zwei Minuten für Vollmayer, eindeutig zu wenig. Was gefährliche Bandenchecks angeht, dürften die Starbulls in der Serie mittlerweile vorn liegen, zumal drei Minuten später auch Halbauer noch so eine Bombe einstecken musste. Aber da stand es zum Glück nach Toren schon 2:1 für die Hausherren: eine saubere Kombination der drei besten Techniker auf Eispiratenseite – Bartek, Ciernik und Pohl – schloss Letztgenannter etwas glücklich, weil abgefälscht, aber doch sehenswert zur erneuten Führung ab.

So ansehnlich die Rot-Weissen teilweise in der Offensivzone zu kombinieren verstanden, so sorglos agierten sie defensiv mitunter: Barteks Puckverlust endete in der 15. Spielminute mit einer Starbulls-Überzahl, und diese nutzten die Gäste nach kurzer Zeit zum erneuten Ausgleich: einen Blueliner Valkonens konnte Nie nur prallen lassen, den Rebound schob Edfelder zum 2:2 ein. Wenig später wackelte das Netz hinter Ryan Nie schon wieder, allerdings schaute sich Schiedsrichter Paule den Treffer von Lewis vorsichtshalber nochmal in der Wiederholung an und erkannte zurecht auf Schlittschuhtor. Der Angreifer hatte sich die Scheibe mit einer Kickbewegung selbst vorlegen wollen, kam aber mit dem Schläger nicht mehr ran, bevor der Puck im Tor landete.

Somit ging es mit einem Unentschieden nach 20 Minuten in die erste Pause, und das war auch leistungsgerecht. Die Crimmitschauer starteten zwar nicht so dominant in die Partie wie in den ersten drei Begegnungen, auch weil Rosenheim nicht ganz so blindlings nach vorn stürzte, aber für Gefahr vor Steinhauer gab es genügend Gelegenheiten. Auf der anderen Seite musste Nie vor allem bei Kontern der Grün-Weissen mehrfach eingreifen.

Im zweiten Durchgang bot sich den Hausherren nach einem Foul Edfelders an Keil recht schnell die Gelegenheit zum Powerplay. Im Gewühl vor Steinhauer konnten sich die Eispiratenangreifer nicht durchsetzen, und dann ging es ganz schnell in die Gegenrichtung: Classen und McNeely spielten Lewis frei, der in eigener Unterzahl zum 2:3 ins Kreuzeck traf. Diese unnötigen Puckverluste samt anschließender Kontersituation der Gäste gab es während des gesamten Matches zu beärgern. Zum Glück gelang den Westsachsen noch im gleichen Powerplay das 3:3: Bartek zog aus spitzem Winkel ab, und der in dieser Situation unglücklich agierende Steinhauer ließ den Puck durch die Schoner hindurch passieren.

Aber auch die Rosenheimer verstehen sich heuer aufs Auflegen von Großchancen für den Gegner:  Wenzel wurde im Spielaufbau entscheidend von Ivan Ciernik gestört, und wie sich der Haudegen dann den wesentlich jüngeren und sicher auch schnelleren Starbull vom Halse hielt und auch noch Steinhauer verlud, ließ erkennen, was der Deutschslowake noch alles auf dem Kasten hat: 4:3. Dass es dabei bis zum Ende des Mittelabschnitts bleiben sollte, daran hatte Ryan Nie großen Anteil. Der Kanadier hatte eine ganz starke Phase, vor allem, als Rosenheim in Überzahl agierte. Die Gäste drängten auf den Ausgleich, und hätten diesen sicher auch verdient gehabt, es blieb aber beim 4:3.

Was dann im letzten Drittel folgte, ist rational einfach nicht zu erklären. Die Eispiraten hatten Spiel und Gegner weitgehend im Griff, ließen Rosenheim anrennen, verteidigten aber kontrolliert. Sicher hatten die Gäste ihre Gelegenheiten, aber im Großen und Ganzen machten die Rot-Weissen einen recht souveränen Eindruck, es schien, dass ihnen diesmal nicht der Fehler passieren sollte, sich vor dem Rosenheimer Endspurt ins Schneckenhaus zurückzuziehen und der Dinge, die kommen sollten, bang zu harren. Alles gut, alles super, selbst in einem Stadion voller leidgeprüfter Crimmitschauer Fans, die übrigens – vor allem aus den Kurven – das gesamte Spiel über stark supporteten, schien sich Zuversicht breit zu machen. Achtzehn Minuten lang zumindest. Dann bekamen die Hausherren drei Minuten vor Ende eine Überzahl (!!!) zugesprochen und brachen in sich zusammen.

Im Powerplay lief gar nichts, aber das alleine wäre ja auch nicht schlimm gewesen, dann schiebt man sich halt zwei Minuten lang die Scheibe zu. Nicht so die Eispiraten: Bartek und Pinizzotto ließen sich an der Bande abkochen, setzten halbherzig nach, Pohl und Schietzold waren dem Geleitschutz für Scofield zugeteilt, der die Scheibe irgendwie bekam und ohne, dass ihn jemand daran gehindert hätte, den Hammer auspackte und in den Winkel traf. Da standen ein paar Hundert DEL-Spiele und Erfahrung für vier Zweitligareihen in Rot und Weiss  auf dem Eis!!! Nur wenige Sekunden später war es Lee, der, immer noch im Powerplay, die Scheibe herschenkte und den nächsten Konter einleitete. Scofield zog über die Rückhand ab und sprintete jubelnd zur Bande – das fiel aber zum Glück unter die Rubrik „man kann es ja mal versuchen“, den Puck hatte jedenfalls Ryan Nie in der Fanghand. Das sah nach erneuter Sichtung des Videobeweises auch Referee Paule so, der sich den Monstersave des Eispiratengoalies exklusiv aus mehreren Perspektiven ansehen durfte und folgerichtig zum zweitenmal in der Partie auf „kein Tor“ entschied. Aber es war schon wahnsinnig, was die Hausherren in diesen letzten zwei Minuten zuließen. Und der Wahnsinn ging weiter: nacheinander holten sich Lee und St. Jacques berechtigte Strafen ab, was bedeutete, dass Rosenheim in die Verlängerung, in die sich die Rot-Weissen retten konnten, mit einer anderthalbminütigen doppelten Überzahl starten würde. Ich weiß nicht, ob es irgendjemanden im Stadion gegeben hat, der auch nur einen Pfifferling auf die Eispiraten gesetzt hat. Die Anfeuerung aus den Kurven war  laut, ja, aber vielleicht eher ein Anschreien gegen die eigene Angst. Die Zuschauer standen auf den Traversen und rechneten damit, in zwei Minuten, nach dem für alle im Sahnpark unvermeidlich erscheinenden Siegtreffer  der Gäste bei 5 vs. 3, nach Hause zu gehen.

Aber vor allem einer hatte etwas dagegen, und der soll, auch wenn er natürlich nicht alleine auf dem Eis stand, hier einmal herausgehoben werden: Jakub Körner, der unsung hero des Spiels. Erst blockte der Routinier einen harten Schuss, so dass er in der Folge kaum laufen konnte. Trotzdem stellte er sich weiter in die Schussbahnen der Rosenheimer, schickte daraufhin seine Kollegen zum Wechsel und sicherte selbst ab. Und nachdem er sich wenig später doch noch zur Bank geschleppt hatte, humpelte er beim nächsten Wechsel schon wieder mit aufs Eis. Und wirklich: die Eispiraten überstanden die doppelte Unterzahl schadlos, und als wäre nichts gewesen, spielten wenig später per doppeltem Doppelpass Bartek und Ciernik die Starbulls her, als stünde es 10:1, und fuhren den so wichtigen Ausgleich in der Serie ein. Wie eng doch Genie und Wahnsinn bei diesem Team zusammenliegen…

Fazit: wer immer in dieser Serie ein Spiel für gewonnen hält, bekommt schwerste Probleme.

By | 2017-06-22T13:29:07+00:00 April 8th, 2017|Aktuelle News, Spielberichte|0 Kommentare